Autobiographie

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Au|to|bio|gra|fie [au̮tobiogra'fi:], die; -, Autobiografien [au̮tobiogra'fi:ən], Autobiographie:
Beschreibung des eigenen Lebens:
ihre Autobiografie ist gerade verfilmt worden.
Syn.: Erinnerungen <Plural>, Memoiren <Plural>.

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Au|to|bio|gra|phie 〈f. 19〉 = Autobiografie

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Autobiographie,
 
die literarische Darstellung des eigenen Lebens oder einzelner Lebensphasen. Die literarische Selbstdarstellung gehört zu den ältesten Gattungen der Literatur und umfasst neben der eigentlichen Autobiographie Lebensläufe, Memoiren, Erinnerungen, Bekenntnisse, den autobiographischen Roman, das Tagebuch, das literarische Selbstporträt, den Brief, Reisebeschreibungen, Tatenberichte, Apologien und Chroniken; die Grenzen zwischen den jeweiligen Formen sind fließend. - Seit dem 18. Jahrhundert gilt als Autobiographie i.e.S. die Aufzeichnung der Entwicklung des eigenen Ichs in seinen Beziehungen zur Umwelt. So aufgefasst ist die Autobiographie an den modernen Individualitätsbegriff gekoppelt. Zu den Strukturmerkmalen der Autobiographie wird gerechnet, dass das erzählende und erzählte Subjekt identisch sind und die Lebensgeschichte retrospektiv aus der Erinnerung als sinnhafter oder psychologisch motivierter Werdegang erzählt wird. Dabei werden die biographischen Fakten jeweils nach Kriterien ausgewählt, gedeutet und gewertet, die zum Teil aus als exemplarisch anerkannten Lebensmustern entnommen, zum Teil im Vorgang des Erinnerns erst entwickelt werden. Die Autobiographie beanspruchte schon früh einen nur relativen empirischen Wahrheitswert. Die ägyptischen Grabinschriften und seltenen autobiographischen Zeugnisse der griechisch-römischen Antike können kaum als Autobiographien i.e.S. bezeichnet werden. - Als älteste europäische autobiographische Literatur sind die »Confessiones« (entstanden 397/398; deutsch »Bekenntnisse«) des A. Augustinus in die Geschichte eingegangen. - Aus dem Mittelalter sind besonders die Lebensdarstellungen des P. Abaelardus »Historia calamitatum« (zwischen 1133 und 1136; deutsch »Leidensgeschichte«) und Dantes »La vita nuova« (zwischen 1292 und 1295; deutsch »Das neue Leben«) bekannt. - Im 16. Jahrhundert entstand ein breites Spektrum autobiographischer Aufzeichnungen, z. B. ist die Autobiographie des schweizerischen Humanisten T. Platter (»Lebensbeschreibung«, herausgegeben 1840) typisch für die zahlreichen Lebenserinnerungen, die aus autobiographischer Sicht die gesellschaftliche, besonders die kulturelle Wirklichkeit ihrer Zeit darstellen. Die »Lebensbeschreibung. ..« (herausgegeben 1731) von Götz von Berlichingen ist ein Beispiel für Kriegs- und Reiseerinnerungen, die neben den Zeitchroniken ebenfalls zu den Formen der Autobiographie des 16. Jahrhunderts zählen. - Die Darstellung der Entwicklung und Erlebnisse der eigenen Person, auch die Beschreibung der Konflikte und Widersprüche der eigenen Psyche kennzeichnen bereits die autobiographischen Aufzeichnungen von F. Petrarca (»Posteritati«, entstanden um 1370; deutsch »Brief an die Nachwelt«), B. Cellini (»Vita«, zwischen 1558 und 1566; deutsch »Lebensbeschreibung«; von Goethe übersetzt; 1803 erschienen unter dem Titel »Leben des Benvenuto Cellini. ..«), G. Cardano (»De propria vita«, 1542; fortgesetzt 1575; deutsch »Des Girolamo Cardano von Mailand eigene Lebensbeschreibung«) und der spanischen Mystikerin Theresia von Ávila (»Libro de su vida«, begonnen 1560; deutsch »Das Leben der heiligen Mutter Teresa von Jesu. ..«). Diese Autobiographien können bereits zur Frühgeschichte der neuzeitlichen Autobiographie gezählt werden. - Im 17. Jahrhundert ragen die politischen Autobiographien von Kardinal von Retz (»Mémoires de Monsieur le Cardinal de Retz«, herausgegeben 1717; deutsch »Denkwürdigkeiten des Kardinals von Retz«) sowie die religiösen Autobiographien von J. Bunyan (»Grace abounding to the chief of sinners«, herausgegeben 1666; deutsch »Die Gnade Gottes welche sich erstreckt auf die größten Sünder«) und von Jeanne-Marie Guyon du Chesnoy (»La vie de Madame Jeanne Marie Bouvier de la Mothe Guion«, herausgegeben 1720; deutsch »Das Leben der Frau Jeanne Marie Bouvier von la Mothe Guion,. ..«) aus der Vielzahl der damals zur beliebten Gattung gewordenen literarischen Selbstdarstellungen heraus. - Einen neuen Impuls erhielt die Autobiographie im 18. Jahrhundert in Deutschland durch Seelenanalysen des Pietismus; in dieser Tradition steht v. a. das autobiographische Werk von J. H. Jung-Stilling, dessen erster Teil »Heinrich Stillings Jugend« von Goethe 1777 veröffentlicht wurde. - In Italien sind die Autobiographien von V. Alfieri (»Vita«, 1806; deutsch »Denkwürdigkeiten seines Lebens, von ihm selbst geschrieben«), die »Vita« (1729; deutsch »Autobiographie«) des Geschichtsphilosophen G. B. Vico sowie die Lebenserinnerungen G. G. Casanovas (»Histoire de ma vie«, 1790; deutsch »Geschichte meines Lebens«) von literarischer und kulturgeschichtlicher Bedeutung. Entscheidende geistesgeschichtliche Wirkung erlangten, als Begründung des modernen Individualismus, die »Confessions« (entstanden 1764-70, herausgegeben 1782-89; deutsch »Bekenntnisse«) von J.-J. Rousseau. - Als Höhepunkt in der Entwicklung der Autobiographie gilt Goethes »Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit« (1811-33, 4 Teile). In der bewussten Deutung aus der Altersrückschau, der Schilderung der sich entfaltenden Persönlichkeit und des geistigen Zeitalters, dem sie angehört, zeigt sich eine Weite des Weltverständnisses, an die im 19. Jahrhundert v. a. die Autobiographie von Stendhal »Vie de Henri Brulard« (entstanden 1835/36, erschienen 1890; deutsch »Leben des Henri Brulard«) und von F. R. de Chateaubriand »Mémoires d'outre-tombe« (herausgegeben 1848-50; deutsch »Denkwürdigkeiten. Von Jenseits des Grabes«) anknüpfen. - Im 20. Jahrhundert entstand eine autobiographische Literatur, die, in ihrer Vielfalt unübersehbar geworden, im Wesentlichen als Typus der offenen, gebrochenen, fragmentarischen Autobiographie gekennzeichnet werden kann. Neben eher traditionellen Autobiographien, z. B. »Aus meinem Leben« (1931) von A. Schweitzer und »Wir sind Gefangene« (1927) von O. M. Graf, stehen für den neueren Typus exemplarisch die Autobiographie von Lou Andreas-Salomé »Lebensrückblick« (entstanden 1931/32, herausgegeben 1951), Simone de Beauvoir (»Mémoires d'une jeune fille rangée«, 1958; deutsch »Memoiren einer Tochter aus gutem Hause«), J.-P. Sartre (»Les mots«, 1964; deutsch »Die Wörter«) sowie das mehrteilige autobiographische Werk von E. Canetti. Seit Mitte der 70er-Jahre erscheinen überwiegend dichterisch verfremdete Erlebnisberichte oder autobiographische Skizzen (M. Frisch, »Montauk«, 1981), die meist zur autobiographischen Erzählung oder zum autobiographischen Roman übergehen.
 
Ausgabe: Sammlung: Deutsche Autobiographie, herausgegeben von B. Neumann (1976 ff.).
 
 
G. Misch: Gesch. der A., 4 Bde. (1-41962-76);
 R. Pascal: Die A. (a. d. Engl., 1965);
 B. Neumann: Identität u. Rollenzwang. Zur Theorie der A. (1971);
 P. de Mendelssohn: Von dt. Repräsentanz (1972);
 R.-R. Wuthenow: Das erinnerte Ich. Europ. A. u. Selbstdarstellung im 18. Jh. (1974);
 Klaus-Detlef Müller: A. u. Roman (1976);
 G. Niggl: Gesch. der dt. A. im 18. Jh. (1977);
 P. Sloterdijk: Lit. u. Organisation von Lebenserfahrungen. A. der 20er Jahre (1978);
 
Autobiography, hg. v. J. Olney (Princeton, N. J., 1980);
 
Vom Anderen u. vom Selbst, hg. v. R. Grimm u. J. Hermand (1982);
 W. Paulson: Das Ich im Spiegel der Sprache. Autobiograph. Schreiben in der dt. Lit. des 20. Jh. (1991);
 P. Stadler: Memoiren der Neuzeit. Betrachtungen zur erinnerten Gesch. (Zürich 1995).
 

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Au|to|bi|o|gra|fie, auch: Autobiographie, die: literarische Darstellung des eigenen Lebens.

Universal-Lexikon. 2012.

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